16
Nov 11

Vingt mille lieues sous les mers

Wiener Konzerthaus. Großer Saal. (c) Michael Bechinie 2011 Wiener Konzerthaus. Großer Saal. (c) Michael Bechinie 2011

Heute hat Wolfgang Mitterer in guter Kapitän Nemo Manier mit seiner Nautilus den Großen Saal des Konzerthauses mehrfach durchpflügt. Getaucht in blau-violettes Licht erstrahlte die Orgelempore als Sparringpartner eines virtuosen Orgelsolisten.

Den Spieltisch hat Mitterer zur Kommandozentrale umgebaut,  von der er aus die Reise durch den Tiefseekosmos leitete. Die Tour de Force führte zu den seltsamsten Geschöpfen und unmöglichsten Orten die der Kosmos zu bieten hat – Tiefseeangler auf LSD, funkelnde Kristallpaläste, transformierte Riesenkraken, interstellare Staubwolken, dysproside Lavaströme, feinhäutige Lichtwesen, fusile Methanseen, allerlei Napalmgetier, revoltierenden Planetaria, Enzymcluster um nur einige zu nennen. Selbst die pfeilschnellen Angriffe biokybernetischer Schützenpanzer und autopoietischer Drohnen aus den tiefsten Abgründen konnten der Nautilus nichts anhaben und steigerten im Gegenzug nur den Willen des Kapitäns mit allen Künsten eines Zeittonkriegers das Schiff heil aus der apokalyptischen Szenerie  zu bringen. Rasseln, Rauschen, Rütteln, Zischen, Lispeln, Dröhnen, Pfeifen, Ächzen, Klingen, Stöhnen – Register die die Orgel selten zieht.

Eine Reise mit Wolfgang Mitterer hat mehr von “Fear and Loathing in Las Vegas” als von “Das Traumschiff”. Stornobuchungen eingerechnet – Passagieren stehen Rettungsluken zur Verfügung. Für den Libertin werden Klänge zu Farbpaletten, bekommen Gefühle Raumkoordinaten, nehmen Intervalle Gestalt an und Geräusche werden zu Gerüchen. Die Ordnung der Zahlen bricht, der Raum mutiert zu einem einzigen Resonanzkörper, wird zum Instrument.

Nichts für Katatoniker, Alles für Synästhetiker.

– zu Wolfgang Mitterers “free radio” Orgel solo und electronics, 16.11.11, Großer Saal Wiener Konzerthaus –

Weitere Info: Beitrag “Wien Modern 2011. Wolfgang Mitterers freies Radio.” am 24.11.2011 um 23:03 auf Oe1 in Zeit-Ton

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09
Nov 11

Mary Shelley auf Condorschwingen

Musikverein. Großer Saal (c) Michael Bechinie 2011

Der Trickster der zeitgenössischen Musik in Österreich, Wolfgang Mitterer, hat im Rahmen von Wien Modern 2011  für das Tonkünstler Orchester Niederösterreich ein Werk geschrieben.

Mitterer über das Hören seiner Musik: “[Und] weil jeder Mensch unterschiedlich ist, wird jede und jeder das Stück auch nicht gleich hören. Darum gebe ich auch nichts vor, was in Richtung <Botschaft> geht. Das entscheiden die Hörer für sich selbst.” Mitterer greift damit Gedanken des Konstruktivismus auf, der in der Kommunikation die Beziehung von Ursache und Wirkung aufhebt oder zumindest relativiert. Ende und Anfang werden gleichwertig, als Ausgangspunkte einer wechselseitigen, nicht trivialen Beziehung zwischen Sender und Empfänger. Die Empfindungen des Hörers, der Hörerin stehen somit mit den jeweilige Vorgeschichten in Resonanz.

Als ausgebildeter Organist setzt Mitterer das Orchester ein wie eine Orgel. Ein gigantischer Spieltisch von dem aus er das Windwerk, die Register, die Koppeln, das Schwellwerk, den Tremulant und allerlei Spielhilfen traktiert. Mitterer schafft auch das Unmögliche, die “Orchester Orgel” mehrfach in einem Stück umzudisponieren.

Obwohl Mitterer eine Gefahr darin sieht Melodiöses zu schreiben weil “man unweigerlich sofort in einer Art Filmmusik landet”, phantasierte sich mein Gehirn so manches Bild herauf, durchaus filmisch. Schwebende Salamander wechseln ab mit schlingernden Monolithen, während aus der Mitte ein scharfes, metallisches Glühen ertönt, wie es nur ein auf der Wasseroberfläche tanzendes Natriumkorn erzeugen kann, das im nächsten Moment von schneidend, weißem Phosphor verbrannt wird, dessen beißender Rauch in einen rückwärts fliegenden Möwenschwarm mutiert der sich mit Tonfetzen des Stan Kenton Orchesters mischt in die John Zorn ein eruptives Cut Up Solo hineinschwindelt, wobei sich Strukturen der Dimension 10E-5 mit solchen der Dimension 10E5 in eingefrorener Hochgeschwindigkeit überblenden, die  Tempelwächter, Seelenräuber und Pulsare magisch anziehen zu scheinen und letztendlich die Hörhaare bis zum Anschlag auslenken, in Momenten der Nahezustille ausschwingen und die Wirkung so zur Ursache machen.

— zu Wolfgang Mitterers “raetselhaft” für Orchester und Elektronik, 08.11.11, Großer Saal des Musikverein Wien, Tonkünstler Orchester Niederösterreich —

Die Zitate von Wolfgang Mitterer sind dem Programmheft entnommen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Mitterer

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29
Oct 11

Kosmisches Windspiel

Wiener Konzerthaus. Großer Saal. (c) Michael Bechinie 2011

Gewalttätig dunkeltosende Klangtürme wechseln mit blitzenden Filamenten, so zerbrechlich wie Fäden aus gebackenem Eiklar. Totalreflektierende Spiegel jagen einander Photonen durch den Kosmos zu, füllen den Raum mit unendlichen Schattierungen buntesten Lichttons. Ein gläsernes Windspiel, von kosmischer Dimension. Gespielt, angetrieben von akustischen Photonen eines hundertköpfigen Klangkörpers, der das vierfache Fortissimo genau so beherrscht wie das dreifache Pianissimo. Zum Ende schließt sich der Kreis mit dem versöhnendsten Unisono, das sich ein Ohr wünschen kann. Ein gewaltiges Stück Musik aus einer Zeit des Aufbruchs, made in Austria, das so manchen, zeittönenden Komponisten unserer Tage stehen lässt.

— zu Friedrich Cerhas “Spiegel I-VII”, 28.10.11, Großer Saal Wiener Konzerthaus, RSO Wien —

http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Cerha

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