Mary Shelley auf Condorschwingen

Musikverein. Großer Saal (c) Michael Bechinie 2011

Der Trickster der zeitgenössischen Musik in Österreich, Wolfgang Mitterer, hat im Rahmen von Wien Modern 2011  für das Tonkünstler Orchester Niederösterreich ein Werk geschrieben.

Mitterer über das Hören seiner Musik: “[Und] weil jeder Mensch unterschiedlich ist, wird jede und jeder das Stück auch nicht gleich hören. Darum gebe ich auch nichts vor, was in Richtung <Botschaft> geht. Das entscheiden die Hörer für sich selbst.” Mitterer greift damit Gedanken des Konstruktivismus auf, der in der Kommunikation die Beziehung von Ursache und Wirkung aufhebt oder zumindest relativiert. Ende und Anfang werden gleichwertig, als Ausgangspunkte einer wechselseitigen, nicht trivialen Beziehung zwischen Sender und Empfänger. Die Empfindungen des Hörers, der Hörerin stehen somit mit den jeweilige Vorgeschichten in Resonanz.

Als ausgebildeter Organist setzt Mitterer das Orchester ein wie eine Orgel. Ein gigantischer Spieltisch von dem aus er das Windwerk, die Register, die Koppeln, das Schwellwerk, den Tremulant und allerlei Spielhilfen traktiert. Mitterer schafft auch das Unmögliche, die “Orchester Orgel” mehrfach in einem Stück umzudisponieren.

Obwohl Mitterer eine Gefahr darin sieht Melodiöses zu schreiben weil “man unweigerlich sofort in einer Art Filmmusik landet”, phantasierte sich mein Gehirn so manches Bild herauf, durchaus filmisch. Schwebende Salamander wechseln ab mit schlingernden Monolithen, während aus der Mitte ein scharfes, metallisches Glühen ertönt, wie es nur ein auf der Wasseroberfläche tanzendes Natriumkorn erzeugen kann, das im nächsten Moment von schneidend, weißem Phosphor verbrannt wird, dessen beißender Rauch in einen rückwärts fliegenden Möwenschwarm mutiert der sich mit Tonfetzen des Stan Kenton Orchesters mischt in die John Zorn ein eruptives Cut Up Solo hineinschwindelt, wobei sich Strukturen der Dimension 10E-5 mit solchen der Dimension 10E5 in eingefrorener Hochgeschwindigkeit überblenden, die  Tempelwächter, Seelenräuber und Pulsare magisch anziehen zu scheinen und letztendlich die Hörhaare bis zum Anschlag auslenken, in Momenten der Nahezustille ausschwingen und die Wirkung so zur Ursache machen.

— zu Wolfgang Mitterers “raetselhaft” für Orchester und Elektronik, 08.11.11, Großer Saal des Musikverein Wien, Tonkünstler Orchester Niederösterreich —

Die Zitate von Wolfgang Mitterer sind dem Programmheft entnommen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Mitterer

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