Mik

37.235° N, -115.811111° W. 07:00 morgens, 33 Grad Celsius. Ein scharfer Luftstrahl bahnt sich aus dem metallischen Inneren seiner Trillerpfeife den Weg in die flirrende Umgebungsluft und brach sich an der Kante um einen durchdringenden Pfiff zu ergeben. Dabei entließ der metallische Körper der Pfeife einen feinen Sprühnebel winziger Speicheltropfen, die an der Luft sofort verdampften. Dann befreite sein schmaler Mund die Pfeife, die an einer feingliedrigen Kette befestigt war und in Zeitlupe fiel, wie ein Bergkletterer ins Seil. Bald baumelte sie an seinem grauen Overall, der schmalen Brust entlang. “20 fach” murmelte er, und schon erkannte er mit seinem stechendscharfen Blick Details, die sich kristallklar auf seiner Retina abzeichneten. Schneider und Johnson waren es, seine 2442. Übertretung die er registrierte. Er hob den Stimmenverstärker, hielt ihn an seine kirschenrote Lippen und schrie wie auch die 2441 Male zuvor den immer gleichen Satz: “Betreten der SFRA verboten”. Es hörte sich übersteuert, blechern und zutiefst unfreundlich an. Sogleich zuckten die “Border Crossers”, oder BCs wie Mik sie nannte zusammen und machten hektisch zwei Schritte zurück um sich wieder ins erlaubten Terrain zu begeben. Mik erfasste wie immer ein leises, wohliges Schaudern wenn er diesen Satz sagte. “Das stärkt die Nerven”, sagte er danach meistens leise zu sich. Es war dies seine einzige Aufgabe, darauf zu achten, dass keiner, absolut keiner die SFRA betritt.
Er machte diesen Job schon seit 37 Jahren, genau wie sein Vater zuvor. Er hatte diesen Job von ihm geerbt. Seine Karriere war schon bei seiner Geburt vorbestimmt. Als Mik ein Kind war, nahm ihn sein Vater öfters auf das Gelände mit. Es war eigentlich nicht erlaubt, betriebsfremde Personen auf den Flughafen mitzubringen; daher verspürte Mik immer ein besonderes Gefühl wenn ihn sein Vater heimlich mitnahm. Miks Vater zeigt ihm alle Tricks wie man möglichst viele “BCs” erwischt. Mik erinnert sich noch immer an die strengen Worte seines Vaters: “Dein Ziel muss es sein alle Übertretungen, hörst du, alle, und ich meine wirklich alle Übertretungen zu registrieren, die an deinem Arbeitstag vorkommen”. Mik hatte noch drei Jahre, bevor sie ihn in den Ruhestand schicken würden. Er wird der letzte Areamanager sein. Mik hat keine Kinder und außerdem war die Entwicklungsabteilung mit ihrem neuen, autonomen Flugfeldüberwachungssystem schon sehr weit. Es stand knapp vor dem ersten Release. Mik hoffte zwar auf genügend Bugs im Programmcode, doch es war nur ein Frage der Zeit bis das System fehlerfrei laufen würde. Erste Feldversuche wurden bereits auf Flugfeld 51A durchgeführt. “Erkennungsrate 90%! Nach ein paar Hotfixes und Patches wird es wohl bald so weit sein und wir können die Beta-Version installieren”, sagte Jool, der Leiter des Entwicklungsteams zu Mik. “Die Downtime wird wohl bei maximal 7 Minuten im Monat liegen”, erzählte Jool weiter.
Mik hatte einen “9 to 5” Vertrag bei der SYTRANON Corporation. Die “BCs” in der Nacht gingen ihm durch die Lappen, auch die am Wochenende. Mik hatte damit aber nie besonderen Stress, weil sich in diesen Zeiten der Nightmanager der SFRA darum kümmerte. “Damit wird Schluss sein”, sagte Mik leise zu sich, “Das neue System wird 24/7 online sein”. Mik war damit aber eigentlich zufrieden. Der Gedanke war ihm zwar ungeheuer, von einem Stück Software abgelöst zu werden, aber die Genugtuung, das Ziel seines Vaters verwirklicht zu sehen, war stärker. Mik könnte nun in den verdienten Ruhestand gehen. Doch davon trennen ihn noch drei weitere Jahre. Jahre in denen er weiterhin mit dem Gefühl der Unzulänglichkeit einschlafen müssen wird. Mik konnte dem Anspruch seines Vaters also auch in den letzten drei Jahren nicht gerecht, eigentlich nie gerecht, werden.
Miks schriller Pfeifton blieb übrigens erhalten. “Als Abschiedsgeschenk der Entwicklungsabteilung”, sagte Jool als er Mik an seinem letzten Tag die Hand schüttelte. Das Pfeifen war übrigens jetzt auch an Sonntagen und in der Nacht zu hören. Mik hörte mit Genugtuung sein Pfeifen, dem er in lauen Sommernächten, durch das geöffnete Fenster lauschen konnte. Nur Miks Stimme wurde von Rachel, einer sehr dominanten Frauenstimme, ersetzt. “Hört sich gut an”, sagte Mik zu sich und schloss die Logdatei der heutigen BC-Analyse.

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